„AWO hilft, liefert, fährt“ war ein durch die Stadt Fulda gefördertes kostenloses Unterstützungsangebot des AWO Kreisverbandes Fulda. Es umfasste Einkaufs-, Liefer-, Abhol- und Fahrdienste für ältere, gesundheitlich eingeschränkte und mobilitätseingeschränkte Menschen. Ende März 2026 musste das Projekt eingestellt werden, nachdem die Förderung durch die Stadt Fulda ausgelaufen war.
Für viele Personen, die das Angebot über mehrere Jahre regelmäßig in Anspruch genommen hatten, bedeutete die Einstellung eine große Unsicherheit. Auch wenn die Corona-Pandemie längst vorüber war, blieb der Unterstützungsbedarf bestehen: Wer gesundheitlich eingeschränkt ist, keine Familie in der Nähe hat oder nur eingeschränkt mobil ist, steht schnell vor der Frage, wie Einkäufe, Arzttermine oder andere notwendige Wege weiterhin bewältigt werden können. Für manche Betroffene war diese Hilfe ein wichtiger Baustein, um weiterhin selbstständig in den eigenen vier Wänden leben zu können.
Eine von ihnen ist Frau Haupt. Die 86-jährige Deutschlehrerin im Ruhestand war rund 40 Jahre im Schuldienst tätig und engagierte sich auch darüber hinaus: Sie organisierte unter anderem Buch- und Theaterveranstaltungen, Lesungen, Diskussionen und kulturelle Angebote für interessierte Schülerinnen und Schüler. Kunst, Kultur, Reisen und der Austausch mit Menschen aus anderen Ländern und Lebenswelten begleiteten sie über viele Jahre.
Heute ist Frau Haupt gesundheitlich stark eingeschränkt und auf den Rollstuhl angewiesen. Viele Dinge, die früher selbstverständlich waren, sind dadurch schwieriger geworden. Das Projekt „AWO hilft, liefert, fährt“ war für sie deshalb eine sehr wertvolle Unterstützung – etwa bei Einkäufen, Wegen zu Arzt- und Therapieterminen oder anderen notwendigen Erledigungen. Da sie seit vielen Jahren allein lebt und keine Angehörigen in der Nähe hat, bedeutete das Angebot für sie Sicherheit, Entlastung und ein Stück Selbstständigkeit.
Das Ende des Projekts erlebte Frau Haupt deshalb als großen Einschnitt. Aus ihrer Sicht fehlt älteren Menschen häufig eine starke Lobby, obwohl gerade viele Angehörige ihrer Generation viel zum Aufbau der Gesellschaft beigetragen haben. Umso wichtiger war es, nach neuen Wegen zu suchen, damit Unterstützung und soziale Kontakte nicht einfach wegbrechen.
Um die Hilfe nach dem Ende des Projekts für möglichst viele fortführen zu können, suchte die Ehrenamtskoordinatorin vom Büro Aktiv der AWO Kontakt zum bislang für den Fahrdienst Verantwortlichen. Ziel war es, die Unterstützung in anderer Form weiterzuführen – nämlich durch sogenannte Chancenpatenschaften, bei denen Ehrenamtliche einzelne Personen regelmäßig begleiten und sie je nach Bedarf im Alltag unterstützen.
Die Chancenpatenschaften der AWO Fulda sind ein ehrenamtliches Tandem-Projekt, bei dem Patinnen und Paten Menschen in herausfordernden Lebenssituationen persönlich begleiten. Die Unterstützung richtet sich nach dem jeweiligen Bedarf und kann zum Beispiel Hilfe bei Alltagsfragen, Behördenangelegenheiten, Terminen, Sprache, Bildung oder sozialer Teilhabe umfassen. Ziel ist es, durch verlässliche persönliche Beziehungen Teilhabe zu ermöglichen, Isolation zu verringern und Menschen darin zu stärken, ihren Alltag möglichst selbstbestimmt zu bewältigen.
Entscheidend bei den Chancenpatenschaften ist, dass es sich hierbei nicht um Einbahnstraßen handelt. Vielmehr sollen echte Win-Win-Situationen für beide Seiten entstehen: Die begleiteten Menschen erhalten verlässliche Unterstützung, Orientierung und soziale Anbindung. Die Patinnen und Paten wiederum erleben neue Begegnungen, können eigene Erfahrungen und Talente einbringen und erfahren, dass ihr Engagement unmittelbar etwas bewirkt.
Glücklicherweise konnten einige Patenschaften geknüpft werden. Eine davon ist die Patenschaft zwischen Frau Haupt sowie Emre I. und Adem A. Beide Männer kommen aus der Türkei, leben seit einigen Jahren in Deutschland und waren in der Türkei als Lehrer tätig: Emre I. als Chemielehrer, Adem A. als Lehrer für türkische Sprache und Literatur. Beide möchten auch in Deutschland zukünftig wieder als Lehrer arbeiten.
Auf das Patenschaftsprojekt wurden sie über das Umfeld der AWO aufmerksam. Besonders angesprochen hat beide die Möglichkeit, sich sozial zu engagieren, etwas für die Gemeinschaft zu tun und zugleich mit deutschsprachigen Menschen in Kontakt zu kommen. Für Emre I. und Adem A. war von Anfang an wichtig, nicht nur Unterstützung zu erhalten, sondern selbst etwas zurückzugeben.
Durch die regelmäßigen Begegnungen mit Frau Haupt können sie außerdem ihr Alltagsdeutsch verbessern und das Leben in Deutschland im persönlichen Austausch besser kennenlernen.
Inzwischen besuchen Emre I. und Adem A. Frau Haupt regelmäßig. Meist treffen sie sich einmal in der Woche, trinken gemeinsam Kaffee, unterhalten sich und unterstützen sie je nach Bedarf im Alltag – etwa beim Einkaufen, bei Wegen zur Apotheke oder durch gemeinsame Gespräche. Aus der Patenschaft ist dadurch weit mehr entstanden als reine Alltagshilfe.
Beide Seiten beschreiben, dass die Patenschaft von Offenheit, Respekt, Vertrauen und Herzlichkeit geprägt ist. Frau Haupt erlebt die Begegnungen nicht nur als Unterstützung im Alltag, sondern auch als bereichernden Austausch mit zwei Menschen, deren Lebenswege, Kultur und Zukunftspläne sie interessieren. Für Emre I. und Adem A. ist die Patenschaft zugleich eine Möglichkeit, sich sozial zu engagieren, ihr Alltagsdeutsch zu verbessern und sich in Deutschland stärker angekommen zu fühlen. Gerade darin zeigt sich, was eine gute Patenschaft ausmacht: Sie ist keine Einbahnstraße, sondern eine Beziehung, in der beide Seiten geben, nehmen und voneinander lernen.
Während Sprachkurse vor allem Grammatik vermitteln, entstehen bei den Besuchen echte, alltagsnahe Gespräche. Bei Frau Haupt treffen Emre I. und Adem A. auf eine Gesprächspartnerin, die in ihrem Leben viel in der Welt herumgekommen und bis ins hohe Alter vielseitig interessiert geblieben ist. So kann ein wechselseitiger Austausch über Kultur, Politik, Religion und Reiseerfahrungen entstehen.
Gerade diese Begegnungen sind für beide das A und O, um den eigenen Wortschatz auszubauen, die Scheu davor abzubauen, die deutsche Sprache aktiv zu sprechen, und dadurch in Deutschland „Fuß zu fassen“ – wie es sich Frau Haupt für die beiden wünscht. Damit zeigt diese Patenschaft beispielhaft, was mit Chancenpatenschaften gemeint ist: Frau Haupt erhält verlässliche Unterstützung und regelmäßigen sozialen Kontakt. Emre I. und Adem A. wiederum gewinnen Begegnung, Sprache, Orientierung und ein stärkeres Gefühl des Ankommens. Aus praktischer Hilfe entsteht gegenseitige Bereicherung.
Solche Patenschaften schaffen Begegnungen zwischen Menschen, die sich sonst vielleicht nie kennengelernt hätten. Sie unterstützen bei Bildung und der Arbeitsmarktintegration, helfen gegen Einsamkeit, fördern gegenseitiges Verständnis und schaffen neue Verbindungen zwischen Generationen, Kulturen und Lebensgeschichten. Genau darin liegt die besondere Chance dieses Projekts.
Wer sich vorstellen kann, selbst eine Chancenpatenschaft zu übernehmen, ist herzlich eingeladen, sich zu melden. Gesucht werden Menschen, die Zeit, Offenheit und Freude an Begegnung mitbringen und andere im Alltag ein Stück begleiten möchten. Interessierte können sich an Ehrenamtskoordinatorin Diana Helfrich vom Büro Aktiv der AWO Fulda wenden. Sie informiert über das Projekt, beantwortet Fragen und begleitet die Vermittlung passender Patenschaften.
Kontakt:
Büro Aktiv
Telefon: 0661 480045-10
E-Mail:
Mit freundlicher Förderung durch die Glücksspirale.

75ème Anniversaire d’AWO Fulda










