Ein Ex-Soldat muss um sein Leben fürchten, da ihm seine ehemaligen Kollegen des Verrats bezichtigen. Er besorgt sich Passdokumente, steigt in das erstbeste Flugzeug und flieht. Was wie der Plot eines Actionfilms klingt, ist die Geschichte von Ndona Samuel Nyoka (50). Im Interview berichtet der aus dem Kongo stammende Nyoka über seine Flucht nach Deutschland und wie ihm die AWO Fulda auf seinem Weg der Integration unterstützt.
AWO: Sie sind 2017 nach Deutschland geflüchtet und stammen aus der Demokratischen Republik Kongo. Was hat Sie zur Flucht bewogen?
Nyoka: Ich habe den Kongo aus politischen Gründen verlassen. Ich war damals Mitglied des kongolesischen Militärs und als solches für die Sicherheit des Präsidenten zuständig.
Es gab immer wieder Probleme wegen meiner Ethnie. Ich komme aus der Stadt Matadi in der Provinz Zentral-Kongo. Ne Muanda Nsemi, der Chef der politisch-religiösen Bewegung „Bundu dia Kongo“, der das vorkoloniale Königreich Kongo wiederherstellen wollte, kommt ebenfalls aus Zentral-Kongo. Nsemi starb 2023.
Man misstraute Ihnen also aufgrund Ihrer Herkunft.
Ja, mir und weiteren Soldaten aus Matadi bzw. Zentral-Kongo wurde von anderen Sicherheitskräften immer wieder unterstellt, wir stünden mit Nsemi in Kontakt und gäben Informationen an „Bundu dia Kongo“ weiter. Aus diesem Grund bin ich nach Angola geflüchtet.
Allerdings hat Angola eine direkte Grenze mit dem Kongo und ist ebenfalls Mitglied der SADC (Southern African Development Community – Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas), einer regionalen Organisation der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit sowie Sicherheit im südlichen Afrika. Daher war ich in Angola nicht sicher und hätte jederzeit in den Kongo ausgewiesen werden können. Nicht zuletzt, weil die angolanischen Sicherheitskräfte Mitglieder von „Bundu dia Kongo“ in Angola ausfindig machten und ich aufgrund meiner Ethnie mit diesen in Verbindung gebracht werden konnte.
«Muanda Nsemi hatte seine eigene Armee, die die Sicherheitskräfte des Kongo bekämpfte. Als Soldat war ich an einer Razzia gegen diese Gruppe beteiligt. Meine Kameraden wollten die 14 Sektenanhänger sofort erschießen.»
Die Sicherheitskräfte unterstellten Ihnen also, Sie stünden mit Nsemi in Verbindung.
Genau. Muanda Nsemi hatte seine eigene Armee, die die Sicherheitskräfte des Kongo bekämpfte. Als Soldat war ich an einer Razzia gegen diese Gruppe beteiligt. Meine Kameraden wollten die 14 Sektenanhänger sofort erschießen. Ich war dagegen, wollte sie verhaften, in die Hauptstadt bringen und den Justizbehörden übergeben. Allerdings hörten sie nicht auf mich, erschossen die 14 Personen und reichten eine Beschwerde gegen mich bei meinem Chef ein. Sie unterstellten mir eine Verbindung zu diesen Leuten. Ich kam dann für neun Monate ins Gefängnis.
Sie flohen nach Ihrer Haft schließlich nach Deutschland. Ihre Muttersprache ist jedoch Französisch. Wäre eine Flucht nach Frankreich da nicht naheliegend?
Ich hatte zwar keine Verbindungen nach Deutschland. Aber eine Flucht nach Deutschland war die erstbeste Option, die sich mir geboten hat. Ich wollte Angola schnellstmöglich verlassen.
«Der Flug hat acht Stunden gedauert. Morgens gegen 7 Uhr bin ich in Frankfurt am Main gelandet und wurde direkt von der Polizei in Gewahrsam genommen.»
Wie gelangten Sie von Angola nach Deutschland?
Alleine mit dem Flugzeug. Meine Familie musste ich zurücklassen. In Angola habe ich einen Reisepass und ein Visum gekauft. So konnte ich die Kontrollen am Flughafen passieren. Der Flug hat acht Stunden gedauert. Morgens gegen 7 Uhr bin ich in Frankfurt am Main gelandet und wurde direkt von der Polizei in Gewahrsam genommen.
Die Beamten haben zunächst meinen Reisepass und mein Armeezeugnis untersucht, weshalb ich zwölf Tage festgehalten wurde. Ich habe dort einen Antrag auf Asyl gestellt, und den Behörden meine Situation geschildert. Anschließend hat man mich in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen gebracht. Dort war ich für zwei Wochen und kam dann für drei Monate nach Neustadt. Dort hatte ich Gelegenheit, ein bisschen Deutsch zu lernen.
Anschließend kamen Sie nach Fulda.
Richtig. Und zwei Monate später erhielt ich den positiven Asylbescheid. Allerdings habe ich das Schreiben nicht verstanden und die AWO Fulda um Unterstützung gebeten. Die Sozialarbeiter haben mir dann alles erklärt.
Wie beurteilen Sie den ersten Kontakt mit der AWO?
Sehr gut. Die Mitarbeiter haben mir vieles erklärt und geholfen. Beim Weg zur Niederlassungserlaubnis hat mich die Migrationsberatung der AWO weitreichend unterstützt. Anfangs sah es so aus, als würde ich diese nicht bekommen können, da es Schwierigkeiten mit meinem Reisepass gab. Doch durch die Hilfe der AWO haben wir es geschafft. Ich habe die Niederlassungserlaubnis erhalten. Erst dachte ich, ich muss zu einem Rechtsanwalt, was viel Geld gekostet hätte.
Würden Sie auch anderen Menschen empfehlen, mit ihren Anliegen die AWO um Rat zu bitten?
Ja. Meine Frau habe ich zum Beispiel sofort zur AWO zum ehrenamtlichen Deutschkurs geschickt. Auch anderen Leuten habe ich empfohlen, zur AWO zu gehen. Die Beratung ist gut und die AWO ist immer bereit, den Menschen zu helfen.
Erzählen Sie bitte einmal von Ihren ersten Schritten der Integration.
Richtig begonnen hat meine Integration erst in Neustadt, weil ich dort angefangen habe, Deutsch zu lernen, aber das war kein richtiger Kurs. In Fulda habe ich in einem Projekt dann in sechs Monaten das A1-Niveau erreicht, später eine Teilnahmebescheinigung zum Integrationskurs bekommen und bei der Inlingua-Schule angefangen, einen Deutschkurs zu besuchen.
«Ich habe meine Familie in Afrika zurückgelassen und jeden Tag an sie gedacht. Dann habe ich das System in Deutschland nicht verstanden. Alles war neu. Im Sprachkurs habe ich zwar ein bisschen gelernt, aber zu Hause standen die Gedanken an meine Familie im Fokus.»
Wie schwierig war es für Sie, die Sprache zu lernen?
Das war nicht leicht. Ich habe meine Familie in Afrika zurückgelassen und jeden Tag an sie gedacht. Dann habe ich das System in Deutschland nicht verstanden. Alles war neu. Im Sprachkurs habe ich zwar ein bisschen gelernt, aber zu Hause standen die Gedanken an meine Familie im Fokus. Kontakt zu anderen Menschen hatte ich nicht. Zu Hause war ich alleine. Das war schwierig für mich. Ich bin dann regelmäßig in die Lutherkirche gegangen und dort mit Menschen in Kontakt getreten. Ich habe das „Wohnzimmer“, einen Stadtteiltreff in Fulda, besucht. Und ich bin dem Fuldaer Afrika-Verein beigetreten. Als Vereinsmitglied helfe ich heute u.a. Menschen, die neu nach Deutschland kommen, sich hier zurechtzufinden.
Heute sprechen Sie Deutsch und sind berufstätig. Wann haben Sie angefangen, in Deutschland zu arbeiten?
Meine erste Arbeit war in Hünfeld, dort habe ich Autos grundgereinigt. Ich war dort drei Jahre lang tätig, bevor ich in Fulda angefangen habe, zu arbeiten. Heute bin ich bei einem Baumarkt angestellt.
Haben Sie die Arbeit damals aktiv gesucht, oder hat man Ihnen die Stelle vermittelt?
Das Jobcenter hat die Firma kontaktiert und mir mitgeteilt, dass dort eine Stelle frei ist. Daraufhin habe ich mich vorgestellt und eine Woche Probearbeit gemacht. Dann meinte der Chef, ich könne sofort anfangen.
Wann war das?
Das war Ende 2019.
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den ersten Job in Deutschland gefunden hatten?
Im musste mich daran gewöhnen. Die Arbeit war draußen und im Vergleich zu Afrika ist das Klima hier kälter. Auch der Sommer ist anders. Nach kurzer Zeit bin ich allerdings gut damit zurechtgekommen.
«Als ich nach Deutschland gegangen bin, war mein Sohn 13 Jahre alt. Wiedergesehen habe ich ihn mit 19 Jahren. Meine Frau und er konnten weder die Sprache, noch kannten Sie sich mit dem Leben in Deutschland aus. Das war nicht einfach für sie.»
Wann ist ihre Familie nach Deutschland gekommen?
Das war 2023. Sechs Jahre lang habe ich sie nicht gesehen.
Wie war das für Sie, die Familie nach dieser langen Zeit wiederzusehen?
Ich habe mich gefreut. Aber als ich nach Deutschland gegangen bin, war mein Sohn 13 Jahre alt. Wiedergesehen habe ich ihn mit 19 Jahren. Meine Frau und er konnten weder die Sprache, noch kannten Sie sich mit dem Leben in Deutschland aus. Das war nicht einfach für sie. Mein Sohn hat sich aber schnell integriert und spricht heute deutlich besser Deutsch als ich.
Wenn Sie auf Ihr mittlerweile neunjährige Zeit in Deutschland zurückblicken, was haben Sie erreicht? Worauf sind Sie stolz?
Ich habe die Sprache gelernt und kann mich gut ohne Dolmetscher verständigen. Ich habe das System in Deutschland kennengelernt. Ich habe meinen Aufenthaltstitel, später meine Niederlassungserlaubnis erhalten. Meine Familie kam zu mir nach Deutschland und hat sich ebenfalls integriert.
Welche Wünsche haben Sie für Ihre Zukunft in Deutschland?
Mein Wunsch ist es, mich hier vielleicht einmal selbstständig zu machen, wenn sich eine entsprechende Möglichkeit ergibt. Ich möchte, dass meine Familie und ich hier ein gutes Leben führen können.
Mit was würden Sie sich selbstständig machen wollen?
Vielleicht mit einer Autoreinigung oder einem Afrogeschäft für afrikanische Lebensmittel.
Ihr Weg zur Migrationsberatung
Verzweifeln auch Sie an der deutschen Bürokratie, haben Fragen zum Leben in Deutschland oder fühlen sich mit den Herausforderungen des Alltags hierzulande überfordert? Dann wenden Sie sich gern kostenlos an die Beraterinnen und Berater des AWO Kreisverbands Fulda. Wir unterstützen Sie gern, bei Ihrem Start in Deutschland.
Foto: Ndona Samuel Nyoka
75 سنة









