{"id":144848,"date":"2026-03-25T11:49:45","date_gmt":"2026-03-25T10:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/awo-fulda.de\/?p=144848"},"modified":"2026-03-25T14:12:46","modified_gmt":"2026-03-25T13:12:46","slug":"ich-war-fuer-die-sicherheit-des-praesidenten-verantwortlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/awo-fulda.de\/ar\/2026\/03\/25\/ich-war-fuer-die-sicherheit-des-praesidenten-verantwortlich\/","title":{"rendered":"&#8220;Ich war f\u00fcr die Sicherheit des Pr\u00e4sidenten verantwortlich&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ein Ex-Soldat muss um sein Leben f\u00fcrchten, da ihm seine ehemaligen Kollegen des Verrats bezichtigen. Er besorgt sich Passdokumente, steigt in das erstbeste Flugzeug und flieht. Was wie der Plot eines Actionfilms klingt, ist die Geschichte von Ndona Samuel Nyoka (50). Im Interview berichtet der aus dem Kongo stammende Nyoka \u00fcber seine Flucht nach Deutschland und wie ihm die AWO Fulda auf seinem Weg der Integration unterst\u00fctzt.<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong>AWO: Sie sind 2017 nach Deutschland gefl\u00fcchtet und stammen aus der Demokratischen Republik Kongo. Was hat Sie zur Flucht bewogen? <\/strong><\/p>\n<p>Nyoka: Ich habe den Kongo aus politischen Gr\u00fcnden verlassen. Ich war damals Mitglied des kongolesischen Milit\u00e4rs und als solches f\u00fcr die Sicherheit des Pr\u00e4sidenten zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Es gab immer wieder Probleme wegen meiner Ethnie. Ich komme aus der Stadt Matadi in der Provinz Zentral-Kongo. Ne Muanda Nsemi, der Chef der politisch-religi\u00f6sen Bewegung \u201eBundu dia Kongo\u201c, der das vorkoloniale K\u00f6nigreich Kongo wiederherstellen wollte, kommt ebenfalls aus Zentral-Kongo. Nsemi starb 2023.<\/p>\n<p><strong>Man misstraute Ihnen also aufgrund Ihrer Herkunft.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, mir und weiteren Soldaten aus Matadi bzw. Zentral-Kongo wurde von anderen Sicherheitskr\u00e4ften immer wieder unterstellt, wir st\u00fcnden mit Nsemi in Kontakt und g\u00e4ben Informationen an \u201eBundu dia Kongo\u201c weiter. Aus diesem Grund bin ich nach Angola gefl\u00fcchtet.<\/p>\n<p>Allerdings hat Angola eine direkte Grenze mit dem Kongo und ist ebenfalls Mitglied der SADC (Southern African Development Community \u2013 Entwicklungsgemeinschaft des s\u00fcdlichen Afrikas), einer regionalen Organisation der wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit sowie Sicherheit im s\u00fcdlichen Afrika. Daher war ich in Angola nicht sicher und h\u00e4tte jederzeit in den Kongo ausgewiesen werden k\u00f6nnen. Nicht zuletzt, weil die angolanischen Sicherheitskr\u00e4fte Mitglieder von \u201eBundu dia Kongo\u201c in Angola ausfindig machten und ich aufgrund meiner Ethnie mit diesen in Verbindung gebracht werden konnte.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-accent-color\">\u00abMuanda Nsemi hatte seine eigene Armee, die die Sicherheitskr\u00e4fte des Kongo bek\u00e4mpfte. Als Soldat war ich an einer Razzia gegen diese Gruppe beteiligt. Meine Kameraden wollten die 14 Sektenanh\u00e4nger sofort erschie\u00dfen.\u00bb<\/mark><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Die Sicherheitskr\u00e4fte unterstellten Ihnen also, Sie st\u00fcnden mit Nsemi in Verbindung.<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Muanda Nsemi hatte seine eigene Armee, die die Sicherheitskr\u00e4fte des Kongo bek\u00e4mpfte. Als Soldat war ich an einer Razzia gegen diese Gruppe beteiligt. Meine Kameraden wollten die 14 Sektenanh\u00e4nger sofort erschie\u00dfen. Ich war dagegen, wollte sie verhaften, in die Hauptstadt bringen und den Justizbeh\u00f6rden \u00fcbergeben. Allerdings h\u00f6rten sie nicht auf mich, erschossen die 14 Personen und reichten eine Beschwerde gegen mich bei meinem Chef ein. Sie unterstellten mir eine Verbindung zu diesen Leuten. Ich kam dann f\u00fcr neun Monate ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p><strong>Sie flohen nach Ihrer Haft schlie\u00dflich nach Deutschland. Ihre Muttersprache ist jedoch Franz\u00f6sisch. W\u00e4re eine Flucht nach Frankreich da nicht naheliegend?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hatte zwar keine Verbindungen nach Deutschland. Aber eine Flucht nach Deutschland war die erstbeste Option, die sich mir geboten hat. Ich wollte Angola schnellstm\u00f6glich verlassen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-accent-color\">\u00abDer Flug hat acht Stunden gedauert. Morgens gegen 7 Uhr bin ich in Frankfurt am Main gelandet und wurde direkt von der Polizei in Gewahrsam genommen.\u00bb<\/mark><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Wie gelangten Sie von Angola nach Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Alleine mit dem Flugzeug. Meine Familie musste ich zur\u00fccklassen. In Angola habe ich einen Reisepass und ein Visum gekauft. So konnte ich die Kontrollen am Flughafen passieren. Der Flug hat acht Stunden gedauert. Morgens gegen 7 Uhr bin ich in Frankfurt am Main gelandet und wurde direkt von der Polizei in Gewahrsam genommen.<\/p>\n<p>Die Beamten haben zun\u00e4chst meinen Reisepass und mein Armeezeugnis untersucht, weshalb ich zw\u00f6lf Tage festgehalten wurde. Ich habe dort einen Antrag auf Asyl gestellt, und den Beh\u00f6rden meine Situation geschildert. Anschlie\u00dfend hat man mich in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gie\u00dfen gebracht. Dort war ich f\u00fcr zwei Wochen und kam dann f\u00fcr drei Monate nach Neustadt. Dort hatte ich Gelegenheit, ein bisschen Deutsch zu lernen.<\/p>\n<p><strong>Anschlie\u00dfend kamen Sie nach Fulda.<\/strong><\/p>\n<p>Richtig. Und zwei Monate sp\u00e4ter erhielt ich den positiven Asylbescheid. Allerdings habe ich das Schreiben nicht verstanden und die AWO Fulda um Unterst\u00fctzung gebeten. Die Sozialarbeiter haben mir dann alles erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p><strong>Wie beurteilen Sie den ersten Kontakt mit der AWO?<\/strong><\/p>\n<p>Sehr gut. Die Mitarbeiter haben mir vieles erkl\u00e4rt und geholfen. Beim Weg zur Niederlassungserlaubnis hat mich die Migrationsberatung der AWO weitreichend unterst\u00fctzt. Anfangs sah es so aus, als w\u00fcrde ich diese nicht bekommen k\u00f6nnen, da es Schwierigkeiten mit meinem Reisepass gab. Doch durch die Hilfe der AWO haben wir es geschafft. Ich habe die Niederlassungserlaubnis erhalten. Erst dachte ich, ich muss zu einem Rechtsanwalt, was viel Geld gekostet h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>W\u00fcrden Sie auch anderen Menschen empfehlen, mit ihren Anliegen die AWO um Rat zu bitten?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Meine Frau habe ich zum Beispiel sofort zur AWO zum ehrenamtlichen Deutschkurs geschickt. Auch anderen Leuten habe ich empfohlen, zur AWO zu gehen. Die Beratung ist gut und die AWO ist immer bereit, den Menschen zu helfen.<\/p>\n<p><strong>Erz\u00e4hlen Sie bitte einmal von Ihren ersten Schritten der Integration.<\/strong><\/p>\n<p>Richtig begonnen hat meine Integration erst in Neustadt, weil ich dort angefangen habe, Deutsch zu lernen, aber das war kein richtiger Kurs. In Fulda habe ich in einem Projekt dann in sechs Monaten das A1-Niveau erreicht, sp\u00e4ter eine Teilnahmebescheinigung zum Integrationskurs bekommen und bei der Inlingua-Schule angefangen, einen Deutschkurs zu besuchen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00abIch habe meine Familie in Afrika zur\u00fcckgelassen und jeden Tag an sie gedacht. Dann habe ich das System in Deutschland nicht verstanden. Alles war neu. Im Sprachkurs habe ich zwar ein bisschen gelernt, aber zu Hause standen die Gedanken an meine Familie im Fokus.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Wie schwierig war es f\u00fcr Sie, die Sprache zu lernen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war nicht leicht. Ich habe meine Familie in Afrika zur\u00fcckgelassen und jeden Tag an sie gedacht. Dann habe ich das System in Deutschland nicht verstanden. Alles war neu. Im Sprachkurs habe ich zwar ein bisschen gelernt, aber zu Hause standen die Gedanken an meine Familie im Fokus. Kontakt zu anderen Menschen hatte ich nicht. Zu Hause war ich alleine. Das war schwierig f\u00fcr mich. Ich bin dann regelm\u00e4\u00dfig in die Lutherkirche gegangen und dort mit Menschen in Kontakt getreten. Ich habe das \u201eWohnzimmer\u201c, einen Stadtteiltreff in Fulda, besucht. Und ich bin dem Fuldaer Afrika-Verein beigetreten. Als Vereinsmitglied helfe ich heute u.a. Menschen, die neu nach Deutschland kommen, sich hier zurechtzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heute sprechen Sie Deutsch und sind berufst\u00e4tig. Wann haben Sie angefangen, in Deutschland zu arbeiten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste Arbeit war in H\u00fcnfeld, dort habe ich Autos grundgereinigt. Ich war dort drei Jahre lang t\u00e4tig, bevor ich in Fulda angefangen habe, zu arbeiten. Heute bin ich bei einem Baumarkt angestellt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Haben Sie die Arbeit damals aktiv gesucht, oder hat man Ihnen die Stelle vermittelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Jobcenter hat die Firma kontaktiert und mir mitgeteilt, dass dort eine Stelle frei ist. Daraufhin habe ich mich vorgestellt und eine Woche Probearbeit gemacht. Dann meinte der Chef, ich k\u00f6nne sofort anfangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wann war das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war Ende 2019.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie haben Sie sich gef\u00fchlt, als Sie den ersten Job in Deutschland gefunden hatten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im musste mich daran gew\u00f6hnen. Die Arbeit war drau\u00dfen und im Vergleich zu Afrika ist das Klima hier k\u00e4lter. Auch der Sommer ist anders. Nach kurzer Zeit bin ich allerdings gut damit zurechtgekommen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u00abAls ich nach Deutschland gegangen bin, war mein Sohn 13 Jahre alt. Wiedergesehen habe ich ihn mit 19 Jahren. Meine Frau und er konnten weder die Sprache, noch kannten Sie sich mit dem Leben in Deutschland aus. Das war nicht einfach f\u00fcr sie.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Wann ist ihre Familie nach Deutschland gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Das war 2023. Sechs Jahre lang habe ich sie nicht gesehen.<\/p>\n<p><strong>Wie war das f\u00fcr Sie, die Familie nach dieser langen Zeit wiederzusehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mich gefreut. Aber als ich nach Deutschland gegangen bin, war mein Sohn 13 Jahre alt. Wiedergesehen habe ich ihn mit 19 Jahren. Meine Frau und er konnten weder die Sprache, noch kannten Sie sich mit dem Leben in Deutschland aus. Das war nicht einfach f\u00fcr sie. Mein Sohn hat sich aber schnell integriert und spricht heute deutlich besser Deutsch als ich.<\/p>\n<p><strong>Wenn Sie auf Ihr mittlerweile neunj\u00e4hrige Zeit in Deutschland zur\u00fcckblicken, was haben Sie erreicht? Worauf sind Sie stolz?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe die Sprache gelernt und kann mich gut ohne Dolmetscher verst\u00e4ndigen. Ich habe das System in Deutschland kennengelernt. Ich habe meinen Aufenthaltstitel, sp\u00e4ter meine Niederlassungserlaubnis erhalten. Meine Familie kam zu mir nach Deutschland und hat sich ebenfalls integriert.<\/p>\n<p><strong>Welche W\u00fcnsche haben Sie f\u00fcr Ihre Zukunft in Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Wunsch ist es, mich hier vielleicht einmal selbstst\u00e4ndig zu machen, wenn sich eine entsprechende M\u00f6glichkeit ergibt. Ich m\u00f6chte, dass meine Familie und ich hier ein gutes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Mit was w\u00fcrden Sie sich selbstst\u00e4ndig machen wollen?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht mit einer Autoreinigung oder einem Afrogesch\u00e4ft f\u00fcr afrikanische Lebensmittel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2><span style=\"color: #ff0000;\">Ihr Weg zur Migrationsberatung<\/span><\/h2>\n<p>Verzweifeln auch Sie an der deutschen B\u00fcrokratie, haben Fragen zum Leben in Deutschland oder f\u00fchlen sich mit den Herausforderungen des Alltags hierzulande \u00fcberfordert? <a href=\"https:\/\/awo-fulda.de\/migrationsberatung\/\">Dann wenden Sie sich gern kostenlos an die Beraterinnen und Berater des AWO Kreisverbands Fulda.<\/a> Wir unterst\u00fctzen Sie gern, bei Ihrem Start in Deutschland.<\/p>\n<p><em>Foto: Ndona Samuel Nyoka<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ex-Soldat muss um sein Leben f\u00fcrchten, da ihm seine ehemaligen Kollegen des Verrats bezichtigen. 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